Schon sehr früh am Morgen geht es heute los zum Angkor Wat Tempel. Als wir ankommen ist es noch dunkel und man erkennt außer dem Fußpfad, auf dem man geht nicht besonders viel. Beim Eingang dann der Schock: tausende Touristen. Dass man hier nicht alleine sein wird, war mir schon bewusst aber dass so viele Menschen sich schon Stunden vor Sonnenaufgang tummeln, um den besten Fotoplatz zu ergattern, hätte ich nicht gedacht. Dieser ist übrigens hinter dem rechteckigen Seerosenteich, da man von hier aus den Tempel samt seines Spiegelbildes im Wasser aufs Bild bekommt: das perfekte Bild!1330933655_cambodia

Trotz der ganzen Hektik und den hunderten Selfiesticks, die einem vor die Nase gehalten werden, wird es plötzlich ganz still als die Sonne anfängt den Himmel hinter den Tempelmauern rosa zu färben. Es ist ein einmaliges Bild, das sich mir hier bietet. Jedoch ist die Stille nur von kurzer Dauer und schnell beginnt wieder das Klicken und Piepsen von Fotoapparaten und Handys. Mit der aufgehenden Sonnen wird neben den Umrissen der drei Türme auch immer mehr von dem eigentlichen Ausmaß des Tempels und der Anlage sichtbar. Sie ist riesig!siem-reap-angkor-wat
Während die meisten Touristen sich allmählich zu den vorderen Toren des Tempels begeben, eilen wir zum hinteren Bereich. Schnell wird mir klar warum. Wir stehen in der linken hinteren Ecke gegen die Mauer gelehnt und sind alleine. Vorbei das Klicken und Piepsen und die hunderten Stimmen. Es ist still und vor uns der riesige Tempel-Koloss, umgeben von leuchtend grünem Gras und blauem Himmel. Jetzt tritt das Gefühl ein, das ich mir von dieser Tempelbesichtigung erwünscht hatte: innere Ruhe und Friedlichkeit. Als wäre das Bild nicht schon perfekt, kommt uns nun auch noch eine Gruppe junger Mönche aus dem benachbarten Kloster entgegen. Ihre orangen Gewänder leuchten in der Morgensonne und das Licht spiegelt sich auf ihren kahlen Köpfen. Sie würdigen uns keines Blickes und gehen stumm ihrer Wege.

Auch im Rest des Tempels ist nicht mehr viel von den Menschenmassen, die sich heute Morgen hinter dem Teich tummelten, zu sehen. Dies hängt wahrscheinlich mit der Größe der Anlage zusammen. Immer wieder stößt man auf leere Korridore und beobachtet Mönche, die seelenruhig in einer Ecke zu meditieren scheinen. Wir ziehen etliche Runden durch die Tempelanlage und entdecken immer wieder neue Plätze, neue Statuen und neue Wandverzierungen.

Während die anderen weiter fleißig ihre Fotos knipsen, habe ich das Bedürfnis mich kurz hinzusetzen und das ganze auf mich wirken zu lassen. Plötzlich höre ich hinter mir eine leise Stimme. “Lady, lady, come here.” Es ist eine alte Frau, eine Geistliche. Sie sitzt auf dem Boden auf einem Teppich vor einem prächtig geschmückten Buddha Altar und lächelt mich mit einem fast Zahnlosen Lächeln an. Als ich zu ihr hin gehe streckt sie ihre Hand aus und hält einen roten Woll-Faden. “Buddha bless you” sagt sie und bindet mir den Faden ums Handgelenk. Ich würde eigentlich behaupten dass ich ungläubig bin und mit spirituellen Angelegenheiten nicht viel am Hut habe, aber diese Aktion löste in mir doch ein spezielles Gefühl aus. Ich bedanke mich mit einer hier üblichen leichten Verbeugung und folgte meiner Gruppe zum Ausgang des Tempel.

Am Tor der Anlage wird uns das Ausmaß und die Größe nochmals richtig bewusst. Nun könnte man sich fragen, wie so ein riesiger Komplex so lange Zeit im Dschungel verborgen geblieben sein kann und doch noch so gut erhalten ist. Die Antwort gibt uns der Wasserkanal, der die Anlage umgibt. Er funktionierte Jahrhunderte lang als Barriere zwischen der Tempelanlage und dem Urwald und verhinderte, dass der Tempel vom Urwald verschlungen wurde.

Bevor wir zum nächsten Tempel fahren, gönnen wir uns erst eine Stärkung in einem der vielen kleinen Restaurants, die eigentlich nur etwas bessere Holzbuden sind. Die typisch kambodschanischen Gerichte sind köstlich!

Am Nachmittag besuchen wir erst den Bayon Tempel. Von weitem sieht er aus wie ein verkommener Trümmerhaufen, seine Schönheit erkennt man erst in der Nähe. Alle Türme sind mit in Stein gemeißelten Gesichtern geschmückt, welche einen lächelnd beobachten.Bayon4

Man sagt, dass diese heute als Sinnbild des Khmer-Lächelns und der Freundlichkeit der Bewohner Kambodschas gilt. Ursprünglich stellen sie jedoch das Gesicht des Avalokiteshvara, dem buddhistischen Gott des Mittgefühls, dar.

Weiter geht es von hier aus zum Ta Prohm. Dieser ist auch bekannt als “Angelina Jolie Tempel”, da hier einige Szene des bekannten Actionfilms Lara Croft: Tomb Raider gedreht wurden. Ein anderer Spitzname ist: Dschungeltempel. Hier sieht man an allen Ecken, wie der Urwald die Bauten verschlingt und die Natur ihre Kraft ausübt. Würgefeigen schlängeln sich durch die alten Gemäuer und haben sie fest im Griff. Der Tempel ist heute noch in seinem Originalzustand, nur einige Mauern und Gebäude wurden gesichert, damit sie nicht unter Einsturzgefahr leiden und man sie gefahrlos betreten kann. Ta Prohm ist der perfekte Platz um sich bewusst zu werden, dass der Mensch die Natur noch nicht überall beherrscht.siem-reap-ta-phrom-copy

Am Abend sind wir alle “templed-out”. Wir sitzen gemeinsam in einer der vielen Bars von Siem Reap und genießen einen erfrischenden Cocktail, der irgendwie viel besser schmeckt als zu Hause (was daran liegt dass man hier mit frisch gepresste Säfte aus Früchten der Region mixt), und reflektierten über den heutigen Tag. Mein rotes Bändchen gibt mir immer noch Denkanreize und die Erinnerung an die alte Frau, wie grundlegend zufrieden sie aussah auf ihrem Teppich sitzend, geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Jedoch wird mir jetzt bewusst, was es heißt “templed-out” zu sein. So schön und interessant, wie die Bauten und Anlagen auch waren, die wir heute gesehen haben, sie machen einen doch müde und erschöpft.